Broschüre des RWV Die neueste Ausgabe (Heft 23) unserer Broschüre "Oper und Konzert" mit aktuellen Informationen und mehreren Artikeln steht als pdf-Datei zur Verfügung: Datei hier herunterladen
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Corona: Den Wert der Kultur richtig einschätzen Die Situation der Theater und Opernhäuser ist, um es kurz zu sagen: miserabel, auch und gerade in Deutschland. Das Corona-Gift wirkt immer nachhaltiger. Menschen, die nach Kunst und Kultur gieren, werden gereizter; selbst stoische Naturen rasten mitunter aus, wenn sie auf die Maßnahmen angesprochen werden, die von der Politik verkündet werden. Man konnte und wollte das ja lange Zeit nicht glauben: dass es im politischen Raum tatsächlich eine weitverbreitete Meinung zu sein scheint, Blumen, Barbiere und Baumärkte seien wichtiger als Beethoven, Britten und Bellini. Die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten der Länder jedoch lassen nur einen Schluss zu: Die Politiker meinen es tatsächlich ernst mit der «Freizeitunterhaltung». Anscheinend wollen (oder können) diese Damen und Herren nicht verstehen, dass Kultur und Bildung, obwohl das eine wie das andere laut Grundgesetz besonders geschützt ist, jetzt auch einmal Vorrang haben sollten vor der Frage, was der Einzelhandel so treibt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Kultur einer der größten Wirtschaftsfaktoren dieses Landes ist.
Zugegeben, im Vergleichen des Unvergleichlichen liegt stets eine Gefahr: Ein geschlossenes Schwimmbad ist genauso schlimm wie eine geschlossenes Konzerthaus, eine Boulder-Halle nicht minder wichtig für die geistig-körperliche Fitness der Jugendlichen als eine Schule, ein Supermarkt ebenso systemrelevant wie eine Staatsoper. Die Krux liegt darin, dass es die Politik ist, die diese Institutionen miteinander vergleicht. Seriöse Studien haben ergeben, dass die Gefahr, sich zu infizieren, beim Besuch eines Lebensmittelladens größer ist als bei einem Theaterabend. Warum also ist Ersterer dauerhaft geöffnet und Letzterer erst ab einer bestimmten Inzidenzzahl? Wird demnächst nur noch auf dem Land gespielt? Haben Berliner, Frankfurter und Hamburger Kulturfreaks weniger Anrecht auf einen Theaterbesuch, nur weil die Bevölkerungsdichte in diesen Städten besonders groß ist? Oder sollen wir ein Opernhaus auf Hiddensee, Juist oder Amrum gründen?
Folgen wir also dem Ideal des Philosophen Rawls folgen, Gerechtigkeit erfordere, dass Freiheit (also auch die der Kunst!) nur um der Freiheit willen, nicht aber anderer gesellschaftlicher oder ökonomischer Vorteile wegen eingeschränkt werden dürfe. Suchen wir nach einem substanziellen Minimalkonsens. Und machen wir uns endlich klar, dass wir unseren Kindern die Zukunft verbauen, wenn wir ihnen die Chance nehmen, sich musisch und anderweitig zu bilden. Jene soziale Gerechtigkeit, die der Philosoph als Grundvoraussetzung für seine normativ-praktische Philosophie postuliert, gilt nämlich nicht nur innerhalb einer Generation, sie gilt auch zwischen den Generationen. Und es ist unsere verdammte Pflicht, den nachfolgenden Generationen die Welt, und damit auch die Welt der Musik und der Worte, nicht in einem schlechteren Zustand zu hinterlassen, als dem, in dem wir sie selbst übernommen haben. Wenn wir diese Pflicht vernachlässigen, entziehen wir uns selbst das, was man als das «wichtigste Grundgut» bezeichnet kann: die Selbstachtung.

Jürgen Otten
Buchbesprechung - Das stattliche Werk zur Ära Bockelmann Es ist ein stattliches Werk geworden. 28 Autorinnen und Autoren beteiligten sich. Der Band, der die 17 Jahre aufblättert, die Thomas Bockelmann in Kassel Intendant war, ist 340 Seiten stark und wiegt 1,1 kg. Eine geradezu notwendige Anschaffung für alle, die das Theater wertschätzen, und ein lohnendes Geschenk für die, die noch für das Theater gewonnen werden sollten.
Was das Team der Öffentlichkeitsarbeit zusammen mit Chefdramaturg Michael Volk hier zustande brachte, ist eindrucksvoll und überaus erfreulich. Die ganze Palette dessen, was das Theater ausmacht, wird aufgeblättert. Dingfest gemacht an den Berichten über ausgewählte Inszenierungen, an Fotos (teilweise ganzseitig, durchweg sehr stark), an Tabellen, Übersichten, Zahlen.
Nach dem Vorwort, in dem der Intendant auf vier eng beschriebenen Seiten seine Bilanz zieht, und den Grußworten der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst sowie des Oberbürgermeisters kommen 24 Autorinnen und Autoren zu Wort, die die Leistung dieser 17 Jahre würdigen. Darunter sind mehrere ehemalige Oberbürgermeister, drei Magistratsmitglieder unserer Stadt Kassel, mehrere Schriftstellerinnen, Regisseure und Regisseurinnen und nicht zuletzt die Vertreter der Vereinigungen, die dem Theater in besonderer Weise zugewandt sind. Der Richard-Wagner-Verband ist mit dem Beitrag über „Die Wagner-Pflege in der Ära Bockelmann“ vertreten.
Imponierend sind die Zahlen: Es gab in den 17 Spielzeiten, über die berichtet wird, 453 Inszenierungen im den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater sowie Tanztheater. Die Zahl der Vorstellungen summiert sich auf mehr als 15 000. Das Staatsorchester trat mit 408 Konzerten auf. Der Intendant selbst war fast 400-mal als Darsteller auf der Bühne zu erleben. Und, man staune, die Zahl der Besucherinnen und Besucher liegt bei 3,3 Millionen.
Wir werden viele Aufführungen in bleibender Erinnerung behalten, eingeschlossen die zweieinhalb Jahre zu Beginn, als das Wirken in den Ersatzspielstätten stattfand, allen voran das großartige Zirkuszelt auf dem Friedrichsplatz. Und wir werden dabei immer wieder daran denken, dass da eine Mannschaft von rund 500 Festbeschäftigten für die gute Sache am Werk war und ist.

Hansgeorg Kling

Staatstheater Kassel (Herausgeber): 2004 – 2021 – Intendanz Thomas Bockelmann. Kassel 2021. 340 Seiten, 8 Euro (für Abonnenten, Förder- und RWV-Mitglieder 5 Euro)
„Immerhin handelt es sich
um ein großes Schiff“ Florian Lutz
Florian Lutz – Ein Gespräch mit dem neuen Intendanten

Als Nachfolger von Thomas Bockelmann wird Florian Lutz im Sommer 2021 die Leitung des Staatstheaters Kassel übernehmen. Er wurde 1979 in Köln geboren, studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Musikwissenschaften, war längere Zeit freischaffend tätig und leitete zuletzt die Oper in Halle. Im November 2019 wurde er von einer Findungskommission mit der Hessischen Kunstministerin Angela Dorn an der Spitze unter mehr als 40 Mitbewerbern als unser neuer Intendant ausgewählt.
Ich sprach mit ihm Mitte November über seine Ziele und Absichten. Die Akzente, die er mit seinem ersten Spielplan setzen will, konnte er verständlicherweise nicht verraten, aber Wesentliches wurde doch deutlich.
Zunächst: Der Übergang von Thomas Bockelmann zu ihm erfolgt fließend und einvernehmlich. Die beiden verstehen sich gut und fällen die eine und andere Entscheidung, die für die Zukunft zu treffen ist, gemeinsam. So steht zum Beispiel bereits fest, wer an der Spitze der beiden Haupt-Sparten stehen wird: Die Oper wird er gemeinsam mit GMD Francesco Angelico leiten; dazu kommen Ann-Katrin Franke als Produktionsleiterin und Kornelius Paede als Dramaturg. Für das Schauspiel gibt es ein Fünfer-Team mit Patricia Nickel-Dönicke an der Spitze.
Florian Lutz betont, wie beglückt er ist, auf so viel Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit in dem Haus am Friedrichsplatz zu stoßen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen ihn bei der Vorbereitung seiner ersten Spielzeit, er lobt die „gute Unternehmens-Kultur“.
Dadurch, dass er selbst von der Oper kommt, soll diese Sparte, soll das Musiktheater stärker gewichtet werden als bisher. Das halten wir für bemerkenswert, und es freut uns. Er will, dass sich das Staatstheater überregional stärker positioniert, er möchte der Oper „eine prominentere Stellung in der Stadt verschaffen“. Er will das tradierte Opernrepertoire pflegen und bedauert, dass die großen Choropern von Verdi zunächst Corona-bedingt nicht zum Zuge kommen können. Er will aber auch innovative Inszenierungsformen einbringen (am liebsten eine Uraufführung pro Saison) und insgesamt „verschiedene, spannende Regiehandschriften“ ermöglichen.
Im Tanztheater soll es mehr Aufführungen geben und auch hier eine größere Vielfalt des Dargebotenen. Die beiden Bereiche des JUST (des Jungen Staatstheaters) und der Konzerte stuft er als eigene Sparten ein, sodass es sich, wie er sagt, ja eigentlich um ein Fünf-Sparten-Haus handelt und also um ein „großes Schiff“.
Unklar ist, wann das Haus geschlossen werden muss, denn es stehen Renovierungen an. Eine Ersatzspielstätte ist bereits eingekreist. Bei der Suche nach ihr bringt Dr. Frank Depenhauer seine mehr als zwanzigjährige Erfahrung als Geschäftsführender Direktor ein. Für seinen Einsatz und seinen Weitblick ist Florian Lutz sehr dankbar. Auch mit ihm wird er gut zusammenarbeiten.
Höchst erfreut ist der Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes Kassel, der in diesem Gespräch die Fragen stellt, darüber, dass der neue Intendant die Kasseler „Wagner-Pflege“ fortsetzen will. Nach mehr als zehn Jahren wären die „Meistersinger“ wieder „dran“, aber ob das zu realisieren ist, kann Florian Lutz nicht versprechen. Und der „Ring des Nibelungen“? Er will ihn in naher Zukunft wieder auf die Bühne bringen, wenn auch noch nicht in seiner ersten Spielzeit 2021/22. Immerhin: Da kommt Vorfreude auf.
Fazit: Wenn sich im September 2021 die Vorhänge heben, wird es spannend werden. Auch vorher bereits im April: wenn der neue Spielplan bekannt gemacht wird. Zweifellos ist es spannender, Neuem entgegenzusehen als Altvertrautem. Gerade in Corona-Zeiten bauen wir auf kleine Herausforderungen.
Dem neuen Intendanten wünschen wir allzeit gutes Gelingen. Wir werden mit ihm sprechen können, wenn er sich am 18. Mai 2021 beim monatlichen Wagner-Treff unseren Mitgliedern und Freunden vorstellt.

Hansgeorg Kling