Broschüre des RWV Die neueste Ausgabe (Heft 24) unserer Broschüre "Oper und Konzert" mit aktuellen Informationen und mehreren Artikeln steht als pdf-Datei zur Verfügung: Datei hier herunterladen
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Corona: Den Wert der Kultur richtig einschätzen Die Situation der Theater und Opernhäuser ist, um es kurz zu sagen: miserabel, auch und gerade in Deutschland. Das Corona-Gift wirkt immer nachhaltiger. Menschen, die nach Kunst und Kultur gieren, werden gereizter; selbst stoische Naturen rasten mitunter aus, wenn sie auf die Maßnahmen angesprochen werden, die von der Politik verkündet werden. Man konnte und wollte das ja lange Zeit nicht glauben: dass es im politischen Raum tatsächlich eine weitverbreitete Meinung zu sein scheint, Blumen, Barbiere und Baumärkte seien wichtiger als Beethoven, Britten und Bellini. Die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten der Länder jedoch lassen nur einen Schluss zu: Die Politiker meinen es tatsächlich ernst mit der «Freizeitunterhaltung». Anscheinend wollen (oder können) diese Damen und Herren nicht verstehen, dass Kultur und Bildung, obwohl das eine wie das andere laut Grundgesetz besonders geschützt ist, jetzt auch einmal Vorrang haben sollten vor der Frage, was der Einzelhandel so treibt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Kultur einer der größten Wirtschaftsfaktoren dieses Landes ist.
Zugegeben, im Vergleichen des Unvergleichlichen liegt stets eine Gefahr: Ein geschlossenes Schwimmbad ist genauso schlimm wie eine geschlossenes Konzerthaus, eine Boulder-Halle nicht minder wichtig für die geistig-körperliche Fitness der Jugendlichen als eine Schule, ein Supermarkt ebenso systemrelevant wie eine Staatsoper. Die Krux liegt darin, dass es die Politik ist, die diese Institutionen miteinander vergleicht. Seriöse Studien haben ergeben, dass die Gefahr, sich zu infizieren, beim Besuch eines Lebensmittelladens größer ist als bei einem Theaterabend. Warum also ist Ersterer dauerhaft geöffnet und Letzterer erst ab einer bestimmten Inzidenzzahl? Wird demnächst nur noch auf dem Land gespielt? Haben Berliner, Frankfurter und Hamburger Kulturfreaks weniger Anrecht auf einen Theaterbesuch, nur weil die Bevölkerungsdichte in diesen Städten besonders groß ist? Oder sollen wir ein Opernhaus auf Hiddensee, Juist oder Amrum gründen?
Folgen wir also dem Ideal des Philosophen Rawls folgen, Gerechtigkeit erfordere, dass Freiheit (also auch die der Kunst!) nur um der Freiheit willen, nicht aber anderer gesellschaftlicher oder ökonomischer Vorteile wegen eingeschränkt werden dürfe. Suchen wir nach einem substanziellen Minimalkonsens. Und machen wir uns endlich klar, dass wir unseren Kindern die Zukunft verbauen, wenn wir ihnen die Chance nehmen, sich musisch und anderweitig zu bilden. Jene soziale Gerechtigkeit, die der Philosoph als Grundvoraussetzung für seine normativ-praktische Philosophie postuliert, gilt nämlich nicht nur innerhalb einer Generation, sie gilt auch zwischen den Generationen. Und es ist unsere verdammte Pflicht, den nachfolgenden Generationen die Welt, und damit auch die Welt der Musik und der Worte, nicht in einem schlechteren Zustand zu hinterlassen, als dem, in dem wir sie selbst übernommen haben. Wenn wir diese Pflicht vernachlässigen, entziehen wir uns selbst das, was man als das «wichtigste Grundgut» bezeichnet kann: die Selbstachtung.

Jürgen Otten
Buchbesprechung - Das stattliche Werk zur Ära Bockelmann Es ist ein stattliches Werk geworden. 28 Autorinnen und Autoren beteiligten sich. Der Band, der die 17 Jahre aufblättert, die Thomas Bockelmann in Kassel Intendant war, ist 340 Seiten stark und wiegt 1,1 kg. Eine geradezu notwendige Anschaffung für alle, die das Theater wertschätzen, und ein lohnendes Geschenk für die, die noch für das Theater gewonnen werden sollten.
Was das Team der Öffentlichkeitsarbeit zusammen mit Chefdramaturg Michael Volk hier zustande brachte, ist eindrucksvoll und überaus erfreulich. Die ganze Palette dessen, was das Theater ausmacht, wird aufgeblättert. Dingfest gemacht an den Berichten über ausgewählte Inszenierungen, an Fotos (teilweise ganzseitig, durchweg sehr stark), an Tabellen, Übersichten, Zahlen.
Nach dem Vorwort, in dem der Intendant auf vier eng beschriebenen Seiten seine Bilanz zieht, und den Grußworten der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst sowie des Oberbürgermeisters kommen 24 Autorinnen und Autoren zu Wort, die die Leistung dieser 17 Jahre würdigen. Darunter sind mehrere ehemalige Oberbürgermeister, drei Magistratsmitglieder unserer Stadt Kassel, mehrere Schriftstellerinnen, Regisseure und Regisseurinnen und nicht zuletzt die Vertreter der Vereinigungen, die dem Theater in besonderer Weise zugewandt sind. Der Richard-Wagner-Verband ist mit dem Beitrag über „Die Wagner-Pflege in der Ära Bockelmann“ vertreten.
Imponierend sind die Zahlen: Es gab in den 17 Spielzeiten, über die berichtet wird, 453 Inszenierungen im den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater sowie Tanztheater. Die Zahl der Vorstellungen summiert sich auf mehr als 15 000. Das Staatsorchester trat mit 408 Konzerten auf. Der Intendant selbst war fast 400-mal als Darsteller auf der Bühne zu erleben. Und, man staune, die Zahl der Besucherinnen und Besucher liegt bei 3,3 Millionen.
Wir werden viele Aufführungen in bleibender Erinnerung behalten, eingeschlossen die zweieinhalb Jahre zu Beginn, als das Wirken in den Ersatzspielstätten stattfand, allen voran das großartige Zirkuszelt auf dem Friedrichsplatz. Und wir werden dabei immer wieder daran denken, dass da eine Mannschaft von rund 500 Festbeschäftigten für die gute Sache am Werk war und ist.

Hansgeorg Kling

Staatstheater Kassel (Herausgeber): 2004 – 2021 – Intendanz Thomas Bockelmann. Kassel 2021. 340 Seiten, 8 Euro (für Abonnenten, Förder- und RWV-Mitglieder 5 Euro)